Kennst du Eiben? Es sind diese Nadelbäume, die hierzulande immer mal wieder rumstehen, sei es in Städten, Dörfern oder Wäldern. Manchmal werden sie auch als Hecke genutzt. Sie sind dunkelgrün, haben kleine, rote, giftig aussehende Früchte und wenn ich ehrlich bin, konnte ich bis vor kurzem nicht viel mit ihnen anfangen. Ich hielt sie für uninteressante, nicht besonders schöne und relativ nutzlose Sträucher.
Aber dann erfuhr ich durch einen Zufall plötzlich etwas mehr über dieses Gewächs (und Zufall heißt in diesem Fall, dass ich mit der App „flora incognita“ rumspielte und sie wahllos alle möglichen Pflanzen erkennen ließen). Und huch, was war denn das? Die von mir als so so öde Landschaftsbegrünung angesehene Pflanze hatte ja tatsächlich ein paar sehr interessante Eigenschaften.
Abgesehen davon, dass einzelne Exemplare bis zu 2000 Jahre alt werden können, wurde die Eibe schon seit Hunderten, wenn nicht Tausenden von Jahren von Menschen genutzt. Unsere Vorfahren stellten aus ihrem Holz Bögen und Musikinstrumente her und nutzen sie auch als Medizin oder Färbemittel. Ihr Holz war beim Menschen so beliebt und wurde so exzessiv genutzt wurde, dass die Eibe heute verhältnismäßig selten geworden ist. Früher bedeckte sie weite Teile Nordeuropas.
Aber auch wenn das alles sehr interessant ist, soll es in diesem Text nicht um Eiben gehen. Es soll darum gehen, was mit mir passierte, als ich diese Informationen hatte. Und zwar konnte ich förmlich spüren, wie sich mein Verhältnis zu dieser Pflanze schlagartig änderte. Während sie davor nicht mehr als ein Statist des Grünstreifens für mich war, ein uninteressantes Deko-Objekt, wurde sie jetzt in meiner Wahrnehmung zu einem Lebewesen mit Eigenschaften, einer Geschichte, Fähigkeiten und Relevanz für mich.
Indem ich etwas über sie wusste, sie (er)kannte, begann ich sie zu achten, zu schätzen. Es entstand eine Art Beziehung zwischen ihr und mir.
Sie war nicht mehr nur ein Wesen, was zufällig neben mir auf der gleichen Welt existierte, sondern eines, das mit mir zu tun hat. Man könnte mein neu entstandenes Gefühl der Eibe gegenüber etwas kitschig Zuneigung oder Liebe nennen. Vielleicht kann man aber auch ganz nüchtern sagen: es war die positive, bereichernde Beziehung, die daraus entsteht, dass dass ich weiß, dass sie wertvoll für mich sein kann und ich sie daher achten und schützen sollte.
Diese Beziehung fühlte sich stark an, auch wenn sie natürlich nur sehr indirekt war. Die tatsächliche Bindung bestand ja weniger von mir zu dieser bestimmten Eibe als von anderen Exemplaren meiner Art zu andere Exemplaren ihrer Art, indem Menschen in der Vergangenheit die Eibe für zahlreiche Verwendungen nutzen). Außerdem kann man wohl von einer ziemlich einseitigen Beziehung sprechen, denn ich bezweifel stark, dass die Eibe mir gegenüber ähnliche Gefühle hatte. (Auch wenn ich mir nicht anmaßen will, festzulegen, ob Pflanzen fühlen oder nicht und ich glaube, dass die Wissenschaft in diesem Bereich noch Welten zu entdecken hat, gehe ich mal davon aus, dass das was Pflanzen fühlen nicht mit dem zu vergleichen ist, was Menschen fühlen).
Ein anderes Wort für indirekte und einseitige Beziehungen ist „Parasoziale Beziehungen“. Parasoziale Beziehungen sind heute, im digitalen Zeitalter allumgreifend: die Beziehung von Fans zu ihrem Star, von followern zu Influencern, von Zuschauer*innen zu Figuren in einer Fernsehserie – all das sind parasoziale Beziehungen und sie werden schnell problematisch, wenn die empfundene und doch unechte Nähe zur Obsession wird, echte Verbindungen ersetzt oder für sie viel Geld und Zeit geopfert wird. Diese Art parasozialer Beziehungen sind tendenziell problematisch und werden auch überwiegend so diskutiert.
Aber – und dieser Gedanke kam mir durch das Erlebnis mit der Eibe – was, wenn unsere Fähigkeit, überhaupt solch indirekte und einseitige Beziehungen eingehen zu können, einen uralten, wichtigen und schönen Grund hat? Nur dadurch können wir eine tiefe und auch emotionale Bindung zu den nicht-menschlichen Lebewesen um uns herum und der Natur als Ganzer herstellen, denn wie gesagt, können uns ja Pflanzen, Landschaften und Tiere nicht die gleiche Form der Kommunikation entgegenbringen, die wir aus zwischenmenschlichen Beziehungen kennen. Doch wir sind in der Lage dazu, trotzdem einen intensiven und auch emotionalen Draht zu ihnen aufzubauen.
Oder anders gesagt: Was wenn wir die ursprünglichste parasoziale Beziehung die zu Mutter Erde ist?
Andere Kulturen (vor allem Indigene) zeigen uns, wie stark die emotionale Bindung zu Pflanzen, dem Land, der ganzen Erde sein kann. Sie wird bspw. Mama Tierra oder Pach Mama genannt, und zwar ganz ohne den sentimentalen oder bisweilen ironischen Unterton, der dem deutschen Mutter Erde anhaftet. Die Erde ist eine Gottheit gesehen, sie wird nicht nur als Ursprung des Lebens und damit Mutter von allen gesehen, sondern auch angebetet, gepflegt, geliebt, als wäre sie eine Verwandte.
Ich muss wohl niemandem sagen, dass wir ein solches Verhältnis zur Natur in der westlichen Kultur nicht haben. Kulturell verankert betrachten wir eher den Markt als eigenständiges Lebewesen, mit dem wir in einem Verhältnis stehen (und der bisweilen verehrt oder angebetet wird) als die Erde.
Als die Naturwissenschaftler Lynn Margulius und James Lovelock in den 70ern die sogenannte Gaia Hypothese aufstellten, ernteten sie gemischte Reaktionen, darunter aber vor allem in der „Fachwelt“ Spott und Verachtung. Die Gaia-Hypothese besagt, dass die Erde mitsamt all der auf ihr ablaufenden Prozesse als ein großes und bewusstes Lebewesen zu betrachten sei. Naturwissenschaftlich gilt diese These bis heute als „umstritten“.
Aber vielleicht liegt der Fehler schon darin, überhaupt zu versuchen, diese These mit Naturwissenschaft in Einklag zu bringen und objektiv zu „beweisen“.
Ob die Natur ein eigenes Wesen ist oder nicht ist vielleicht eher eine Frage, die nicht objektiv beantwortet werden kann (im Sinne von: mit Hilfe von Naturwissenschaft, die uns beweisen soll ob das jetzt so ist oder nicht), sondern in uns selbst (im Sinne von: sind wir psychologisch und emotional in der Lage, mit der Natur in eine (parasoziale) Beziehung zu treten, als wäre sie ein Lebewesen).
Um unsere durch und durch kaputte Beziehung zur Natur zu retten – und das ist angesichts des fortschreitenden Krieges der Zivilisation gegen die Natur und das Leben dringend nötig -, kommt es weniger darauf an, was die Natur ist als wie wir sie uns vorstellen und uns zu ihr verhalten – begreifen wir sie als tote Masse oder als Einheit mit Würde, die unsere Aufmerksamkeit und Liebe verdient hat?
Neulich hörte ich in einem Podcast jemanden die Frage stellen: „what happened to you? how did you lose the connection to your land?“ (deutsch: „Was ist mit dir passiert? Wie hast du die Verbindung zu deinem Land/ der Natur verloren?“) Ich war von der Wucht dieser Frage überwältigt, denn sie trägt so viel in sich.
Sie bringt auf den Punkt, dass der Normalzustand des Mensch-Seins nicht der heutige ist, in dem wir in Städten leben, uns abgekapselt in Blechkisten durch die Gegend bewegen und die Natur höchstens in gelegentlichen Waldspaziergängen oder in Form von Naturdokus im Fernsehen erleben. Sondern dass davor ein Prozess stand, der zwar oft unsichtbar gemacht wird, dem wir aber unbedingt auf den Grund gehen müssen: der Prozess der Entfremdung von der Natur. Denn es gibt kaum eine Kultur oder Menschengruppe, die diesen Prozess in der jüngere Vergangenheit nicht durchlaufen hat.
Menschen sind Naturwesen, nicht mehr und nicht weniger als Wildschweine, Hasen und Füchse, denn auch wir kommen aus der Natur und sind von ihr abhängig. Für den überwiegenden Teil der Menschheitsgeschichte war es das normalste auf der Welt, ein enges Verhältnis zur Natur zu haben. Sie nicht nur zu kennen, sondern fühlen, lesen, verstehen, lieben, schätzen, für sie sorgen können und dafür selbst umsorgt werden, entscheidete über Leben und Tod.
Das ist heute nicht anders, auch wenn wir das gerne vergessen, wenn wir unser Essen nicht vom Baum pflücken, sondern aus einem Supermarktregal. Dennoch ist es ja gerade unser kaputtes Verhältnis zur Natur, das in seiner Manifestation (der Klimakatastrophe) zumindest die Zivilisation, wenn nicht die Menschheit als ganzes, auszulöschen droht.
Gleichzeitig ist das zerrüttete Verhältnis zur Natur nicht unsere individuelle Schuld, sondern das Produkt äußerer Umstände (besser gesagt: Herrschaftssysteme), die seit Jahrhunderten dafür sorgen, dass Menschen von der Natur entfremdet werden. Dabei geht der psychischen Entfremdung immer eine physische Entfremdung voraus. Nur ein Mensch, der nicht mehr in direktem Kontakt mit dem Land ist, kann plötzlich eine Einstellung der Gleichgültigkeit der Natur gegenüber entwickeln.
Im Mittelalter wurde die Allmende, der freie Zugang zu Land für alle, langsam zerstört und durch komplizierte Besitzverhältnisse ersetzt. Später sorgte der Kapitalismus dafür, dass Menschen gezwungen waren, das Land zu verlassen und in Städte zu ziehen. Dort war es erstens unmöglich und zweitens sinnlos, das Wissen über den Umgang mit Pflanzen zu bewahren, denn stattdessen sorgten Berufsausbildung und Arbeitsvertrag über Leben und Tod.
Um den Prozess der Entfremdung umzudrehen, bräuchten wir wieder Zugang zum Land. Denn sonst bleibt die Verbindung zur Natur eine rein theoretisch. Doch dieser Zugang ist gar nicht so leicht zu erlangen.
Wer schonmal versucht hat, ein Grundstück zu kaufen, weiß wie unglaublich teuer das ist. Für einen großen Teil der Mensch schlicht unmöglich zu zahlen. Ohne formelle Besitzverhältnisse ist es noch schwerer, ein Stück Land über längere Zeit zu pflegen und kennenzulernen. Allmende gibt es nicht mehr. Fast jeder Wald ist in Privatbesitz und du darfst dort nicht einmal eine Nacht verbringen, ohne etwas „illegales“ zu tun. Im öffentlichen Park darfst du auch kein Gemüse anbauen und alle Besetzungen von Wäldern und Äckern, die ich kenne, gehen schneller an staatlicher Repression kaputt als ein Obstbaum braucht, um Früchte zu tragen.
Insofern finden noch heute komplexe Prozesse statt, die den Mensch von der Natur trennen und es gibt unglaublich viele Hürden, die der Wiederverbindung mit der Natur im Wege stehen. Wer sich der Natur nicht tief verbunden fühlt und ein großes Bedürfnis danach hat, ihr näher zu kommen, wird wohl kaum die Motivation aufbringen, diese Hürden zu überwinden. Und so entsteht ein Henne-Ei-Problem.
Um die Natur zu heilen, brauchen wir wieder ein emotionales Verhältnis zu ihr. Um das emotionale Verhältnis wieder herstellen zu können, brauchen wir Zugang zu ihr. Diesen Zugang zu organisieren, zu erkämpfen, zu ergattern und das nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Menschen, für die es am schwersten ist, ist eine hochpolitische, dringende – und auch wenn es pathetisch klingt – überlebenswichtige Aufgabe.
Schreibe einen Kommentar