Ich bin Nihilistin Geworden. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage. Denn lange dachte ich, Nihilist*innen wären die, die keine Ziele haben. Die nur Destruktivität kennen. Für die die Freude an der Zerstörung größer ist als die Freude über die Möglichkeit, eine Welt der Solidarität aufzubauen. Heute sehe ich, dass ich getäuscht wurde. So wie der Begriff „Anarchie“ seit Jahrhunderten durch den Dreck gezogen wurde, damit er in den Augen der meisten Menschen nicht mehr für die Hoffnung auf Freiheit, sondern für Chaos steht, so gab und gibt es anti-nihilistische Propaganda. (Der absurdeste Auswuchs davon ist, wenn die Gier und Machtbesessenheit der Herrschenden „nihilistisch“ genannt wird, obwohl Nihilismus die Ablehnung von dem in sich trägt, wovon die Herrschenden besessen sind).Vielleicht liegt das daran, dass diese Idee wäre für die herrschende Ordnung extrem gefährlich, wenn sie ihr volles Potenzial entfalten würde. Was uns Autoritäten schlecht reden wollen, ist meistens eine ganz gute Idee.
Heute hat sich meine Perspektive sehr geändert. Hinter mir liegen viele Jahre voller Scheitern. Ich habe Kämpfe geführt, die verloren wurden. Ich habe Träume geträumt, die geplatzt sind, ich habe Hoffnungen gehabt, die enttäuscht worden sind. Als junger Anarchistin konnte ich daran glauben, dass unsere Bemühungen eines Tages mit einer revolutionären Befreiung von Staat und Kapital belohnt werden. Später glaubte ich daran, dass wir wenigstens einzelne Gebiete befreien könnten, auch wenn die globale Abschaffung von Staat und Kapital nicht gelingen sollte. Heute fällt es mir schwer, nur zu hoffen, dass wir den aktuellen Siegeszug des Faschismus aufhalten und verhindern können, dass er immer größere Portionen der Welt verschlingt und vernichtet.
Kurz gesagt, die Welt sieht scheiße aus. Vieles von dem, was wir als Anarchist*innen erreichen wollen, wird wohl nicht (in unserer Lebenszeit) erreicht werden.
Zwischen dem Scheitern und den schlechten Zukunftsperspektiven kam der Nihilismus irgendwann von selbst zu mir. Vielleicht ist er weniger eine Ideologie als eine Selbstverteidigungsstrategie der kämpferischen Kräfte in mir gegen eine Realität, die mir die utopischen Träume ausgeprügelt hat. Vielleicht ist mein Nihilismus nichts mehr als ein Instrument, welches ich für mich einsetze, um weitermachen zu können. Aber er funktioniert.
Denn ich bin trotz allem weit davon entfernt aufzugeben. Vielleicht ist meine Lust zu kämpfen heute sogar größer als je zuvor.
Das Wort Nihilismus kann vieles bedeuten. Es ist so schwammig, uneindeutig und umkämpft wie das Wort Anarchie.
Lasst mich also erklären, was ich meine, wenn ich vom Nihilismus spreche.
Wenn ich sage, ich bin Nihilistin geworden, dann heißt das, dass ich mich nicht mehr von den Ergebnissen meiner Handlungen abhängig mache. Ich betrachte meine Taten als Selbstzweck. Nihilismus verändert kaum, was ich tue, aber es verändert meine Motivation und meine Haltung zu dem was ich tue. Ich handele nicht aus Hoffnung auf konkrete Ergebnisse oder „politischen Erfolg“, sondern weil ich es genieße, widerständig zu sein.
Das heißt nicht, dass ich keine politischen Ziele habe. Ich wünsche mir eine Welt der Solidarität aus ganzem Herzen. Ich glaube sogar daran, dass sie möglich ist, auch wenn sie (zur Zeit) nicht sehr wahrscheinlich ist. Ich habe Ziele, Hoffnungen und Wünschen. Im besten Fall tragen meine Taten dazu bei, meinen Zielen näher zu kommen. Wenn ich mit meinen Versuchen, etwas zu verändern, Erfolg habe, ist das ein netter Nebeneffekt. Aber das ist nicht mein Hauptantrieb. Mein Handeln ist von solchen Hoffnungen nicht abhängig. Der Wert meiner Taten liegt in den Taten selbst.
Nihilismus kommt von Nihil was „nichts“ bedeutet. Nihilismus ist für mich, wenn NICHTS anderes zählt, als meine Taten selbst.
Wenn ich Häuser besetze, mich mit Menschen organisiere, wenn ich für Wälder kämpfe oder gegen Kriege, wenn ich etwas klaue, die Arbeit eines Faschos behindere oder eine naturzerstörende Maschine außer Betrieb setze, habe ich schon gewonnen, ganz egal was die Folgen sein werden. Auch wenn die Maschine am nächsten Tag ihre Arbeit wieder aufnimmt und ich meinem Ziel einer anderen Welt „politisch“ nicht näher gekommen bin.
Denn der Sieg besteht darin, dass die Tat selbst ein Akt der Befreiung ist.
Indem ich mich den Regeln widersetze, die das Bestehende mir aufzuzwingen versucht, und den cop in my head zurückschlage, erobere ich mir mein eigenes inneres Territorium zurück.
Ich entdecke, wer ich sein kann ohne die Regeln, die nie meine waren, aber sich in meinem Kopf festgesetzt haben, um mich zu beherrschen. Ich habe mich innerlich frei gemacht, auch wenn ich äußerlich noch nicht frei von den Zwängen eines gefängnisartigen Systems bin. Vielleicht ist das Erobern dieser inneren Freiheit sogar die Voraussetzung für das Erlangen der äußeren Freiheit.
Jede kleine Erfahrung von Freiheit und das Wissen, diesem grausamen System eins auszuwischen – auch wenn es nur kleine Nadelstiche sind – geben mir eine unbändige Freude.
Eine Freude, die echter und tiefer ist als das, was uns dieses System als Genuss verkauft, weil sie den süßen und wilden Geschmack von Freiheit und Lebendigkeit in sich trägt.
Der Kapitalismus treibt uns die Freude am Leben aus. Er ersetzt sie mit Gefühlen wie Leistungszwang, Entfremdung, Bedeutungslosigkeit und Leere und verkauft uns die billigen Kopien der Freude: Sättigung, Bequemlichkeit, Unterhaltung.
Währenddessen bietet mir der Widerstand das einzige, was der Kapitalismus niemals wird bieten können: Erfüllung, Sinn und euphorische Freude.
Es ist die Freue am Mut, am Wagnis, am Ungehorsam, am wild, frei und nur sich selbst und dem eigenen Gewissen verpflichtet sein.
Ich handele, um diese Freude zu erfahren, um mich lebendig und widerständig zu fühlen. Der Rest ist nebensächlich.
Der Kapitalismus tut alles, was er kann, um zu verhindern, dass Menschen wie wir überhaupt existieren. Und dennoch existieren wir. Von klein auf pumpt er uns mit Propaganda voll, will uns arbeitswillig und produktiv machen, verkauft uns seine Grausamkeiten als normal, er stumpft uns ab und befriedet uns, will uns betäuben und einschüchtern. Alles, damit wir keinen Widerstand leisten, sondern zu funktionierenden Rädchen in der gut geölten Maschine werden. Und dennoch sind wir widerständig. Wir sind die Blumen in den Rissen im Asphalt. Durch pure Sturheit und Lust am Lebendig-Sein florieren wir in Umgebungen, die darauf ausgelegt sind, Phänomene wie uns zu verhindern.
Wir leben und atmen und kämpfen und organisieren und scheitern, aber doch versuchen wir es wieder und wieder. Das allein ist ein Triumph und Genuss und es erfüllt mich mit Freude und Stolz.
Ich schreibe darüber nicht, um mit meinem Kampfesgeist oder meiner Freude zu prahlen.
Sondern weil ich glaube, dass die anarchistische Bewegung viel vom Nihilismus lernen kann und muss.
Denn zur Zeit sieht es nicht so aus als würde Hoffnung bald irgendwo her kommen. Entweder geben wir auf oder wir lernen, ohne Hoffnung weiterzumachen.
Trotzdem und dann erst recht können wir kämpfen. Wenn wir uns von der Hoffnung auf weit entfernte Ziele als Motivation unseres Widerstandes unabhängig machen und sie ersetzen durch die Freude am Handeln.
Für mich ist Freude der Kern des Anarchismus. Warum kämpfen wir für eine andere Welt, wenn nicht wegen dem Glauben, dass das Leben voller Freude und Erfüllung sein könnte statt voller Leid und Angst? Es geht um die Idee der Freude am Sein. Aber Anarchismus ist auch ein Projekt der Konsequenz und der gelebten Überzeugung. Wir müssen lernen, Freude daraus zu schöpfen, unsere Überzeugungen zu leben.
Das heißt auch, dass wir unseren Aktivismus nicht als Bürde oder Last sehen dürfen. Er ist kein nerviger, unbezahlter Nebenjob, den wir aus schlechtem Gewissen ableiten. Er bietet uns diejenigen Erfahrungen, die vielleicht das nächste an Freiheit sind, das wir je in unserem Leben erfahren dürfen.
Unser politisches Handeln im Jetzt ist das Fenster, durch das wir einen Blick auf eine befreite Welt der Zukunft erhaschen dürfen. Als solches muss es wie ein höchster Genuss angesehen und gewertschätzt werden.
Das ist es, was Nihilismus für mich bedeutet.
Vielleicht – ganz vielleicht – wird es genau diese Einstellung sein, die schließlich das Erreichen unserer politischen Ziele möglich macht. Um eine Revolution zu erkämpfen, brauchen wir allem voran Entschlossenheit und Ausdauer. Beides können wir besser an den Tag legen, wenn wir nicht aus abstrakten strategischen Überlegungen heraus widerständig sind, sondern aus der Überzeugung, dass widerständig sein das einzige ist, was sich richtig anfühlt. Wenn wir mit Freude und Begeisterung kämpfen, weil das Kämpfen ein Selbstzweck ist, werden wir vielleicht eines Tages gewinnen.
Und wenn nicht ist es auch egal. Denn wir hatten eine verdammt gute Zeit.
zum Abschluss noch ein Gedicht
Für Eli Jacobson
1952
There are few of us now, soon
There will be none. We were comrades
Together, we believed we
Would see with our own eyes the new
World where man was no longer
Wolf to man, but men and women
Were all brothers and lovers
Together. We will not see it.
We will not see it, none of us.
It is farther off than we thought.
In our young days we believed
That as we grew old and fell
Out of rank, new recruits, young
And with the wisdom of youth,
Would take our places and they
Surely would grow old in the
Golden Age. They have not come.
They will not come. There are not
Many of us left. Once we
Marched in closed ranks, today each
Of us fights off the enemy,
A lonely isolated guerrilla.
All this has happened before,
Many times. It does not matter.
We were comrades together.
Life was good for us. It is
Good to be brave — nothing is
Better. Food tastes better. Wine
Is more brilliant. Girls are more
Beautiful. The sky is bluer
For the brave — for the brave and
Happy comrades and for the
Lonely brave retreating warriors.
You had a good life. Even all
Its sorrows and defeats and
Disillusionments were good,
Met with courage and a gay heart.
You are gone and we are that
Much more alone. We are one fewer,
Soon we shall be none. We know now
We have failed for a long time.
And we do not care. We few will
Remember as long as we can,
Our children may remember,
Some day the world will remember.
Then they will say, “They lived in
The days of the good comrades.
It must have been wonderful
To have been alive then, though it
Is very beautiful now.”
We will be remembered, all
Of us, always, by all men,
In the good days now so far away.
If the good days never come,
We will not know. We will not care.
Our lives were the best. We were the
Happiest men alive in our day.
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