Gold Mirror – Analysen, Kommentare, Perspektiven
Wir kämpfen, weil wir es mögen

Original-Text: https://de.crimethinc.com/2018/03/22/we-fight-because-we-like-it-maintaining-our-morale-against-seemingly-insurmountable-odds

Wie wir unseren Kampfgeist trotz scheinbar unüberwindbarer Hindernisse aufrechterhalten

Eine Reflektion wie wir das anarchistische Projekt  außerhalb post-christlicher millenarischer Erzählungen verstehen können. (Anmerkung der Übersetzung: post-christliche millenarische Erzählung bezieht sich hierbei auf den Glauben, egal ob religiös oder säkular, dass sich die Gesellschaft langfristig nach einem große Bruch zum positiven Verwandeln wird. Dieser Glaube  steckt zB im Glauben ans Eintreten des Paradieses bzw. Himmelreichs im Christentum oder in Marx‘ Behauptung, der Kommunismus sei nur eine Frage der Zeit).

„Sie sind nur Geister, diejenigen, die Glauben, die Menschen kämpfen, um zu gewinnen. Sie kämpfen, weil sie es mögen.“

And There Was Light, Autobiographie von Jacques Lusseyran, blinder Held der französischen Resistance

Es geht nicht darum, ob wir gewinnen können, sondern darum, wie wir leben wollen

Ich habe bereits ein Vierteljahrhundert an der anarchistischen Bewegung teilgenommen. Im Laufe dieser Zeit habe ich gesehen, wie wir inspirierende Siege trotz überwältigender Widrigkeiten erlangt haben.

Von lokalen Konflikten bis hin zu internationalen Auseinandersetzungen haben wir die Behörden immer wieder zum Einlenken gezwungen und uns so Raum verschafft, um unsere Experimente zur Erfindung anderer Lebens- und Beziehungsformen durchzuführen. Einige dieser Räume haben nur wenige Minuten Bestand gehabt, andere Jahrzehnte. Wir können die anarchistische Bewegung selbst als einen dieser Räume verstehen.

Ich habe auch viel Leid und Verzweiflung gesehen. Viele unserer Genoss*innen wurden im Kampf für unsere gemeinsamen Ideale verletzt, erschossen, inhaftiert oder getötet. Noch viel mehr haben den Glauben daran verloren, dass wir jemals eine bessere Welt erreichen werden – dass all diese Opfer gerechtfertigt sein werden. Es kann sehr schwierig sein, den Kampfgeist aufrechtzuerhalten, wenn man es mit nicht weniger als der globalen Ordnung selbst aufnimmt.

Ich glaube immer noch fest daran, dass einige wenige Menschen enorme Veränderungen in der Welt um uns herum bewirken können. Aber ich erwarte keine Belohnung für meine Bemühungen in einem zukünftigen Paradies. Ich bin kein Angestellter, der den Lohn der Revolution sucht. Ich tue dies, weil der Kampf selbst erfüllend ist.

Ich glaube nicht an die Fortschrittserzählung der westlichen Aufklärung, wonach das Leben mit der Zeit unweigerlich immer besser wird und wir uns, wenn wir unseren Teil dazu beitragen, dazu beglückwünschen können, Teil des Bogens der Geschichte zu sein, der sich angeblich in Richtung Gerechtigkeit neigt. Im Gegenteil, die Kämpfe, die wir heute führen, sind sehr alt. In mancher Hinsicht haben wir Boden gewonnen, in anderer Hinsicht haben wir Boden verloren, aber es gibt keine absolute Sieg oder absolute Niederlage, und es gibt keine Garantien dafür, wie diese Kämpfe ausgehen werden.


Ich beteilige mich nicht am anarchistischen Kampf, weil ich glaube, dass wir die Welt retten werden. Im Gegenteil, ich kämpfe, weil ich weiß, dass eines Tages die ganze Welt zerstört sein wird – die Erde wird von der Sonne verschlungen werden und nur Asche zurückbleiben –, und wenn dieser Tag kommt, möchte ich, dass die Geschichte, die endet, eine Geschichte von Schönheit und Tragik und Widerstand gegen Tyrannei ist. Ich möchte, dass die Geschichte, die wir leben, eine Geschichte von Freude und Mut und Zusammengehörigkeit ist. Ich kämpfe, weil es eine Möglichkeit ist, mich an diejenigen zu erinnern, die vor uns kamen, weil es eine Möglichkeit ist, die Kreativität und Rebellion meiner Zeitgenossen zu ehren, weil es ein Akt der Fürsorge für alle anderen ist, deren Herz bricht, wenn sie Ungerechtigkeit und Unglück sehen. Ich kämpfe, weil ich weiß, dass es kein Happy End gibt, dass am Ende der Geschichte keine Erlösung auf uns wartet; es gibt nur das, was wir heute gemeinsam tun. Das ist alles, was es an Schönheit und Sinn in der Welt jemals geben wird, und das kann mehr als genug sein.

Aber ist es nicht schwieriger zu kämpfen? Setzen wir uns nicht unnötigem Leid aus, wenn wir uns so mächtigen Gegnern stellen? Wäre es nicht einfacher, aufzugeben und sich dem Lauf der Dinge zu fügen?

Jeder von uns muss ohnehin leiden – das ist die einzige Gewissheit in dieser Welt. Die Sterblichkeit ist ein weitaus gewaltigerer Gegner als der Staat. Ob wir uns entscheiden zu kämpfen oder nicht, wir werden leiden. Die Frage ist, in welchem Kontext wir leiden wollen. Werden wir leiden, während wir nach den Dingen streben, die uns am wertvollsten sind? Oder werden wir sinnlos leiden und versuchen, vor Schmerz und Unsicherheit zu fliehen, als ob uns das schützen könnte? Meine Erfahrungen in hundert Black Blocs haben mich davon überzeugt, dass es normalerweise sicherer ist, wenn man vorne steht.

Ich habe mich damit abgefunden, dass wir an Kämpfen beteiligt sind, die niemals endgültig gewonnen werden können. Es geht nicht darum, einfach nur eine einzelne Regierung zu stürzen oder den Staat als Gesellschaftsform zu zerstören, sondern um den nie endenden Prozess, Hierarchien und Unterdrückung in all ihren verschiedenen Formen in Frage zu stellen. Dieses Projekt wird niemals abgeschlossen sein.

Für mich ist die Akzeptanz, dass meine Handlungen ihre Bedeutung nicht aus einem zukünftigen Ziel ableiten können, untrennbar mit dem Prozess verbunden, mich mit meiner Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Wenn ich den Tod als unvermeidlich anerkenne, eile ich ihm nicht schneller entgegen. Im Gegenteil, meine Aufmerksamkeit verlagert sich auf alles andere, auf alles, was nicht Tod ist, wie klein es auch sein mag. In einer Welt des Todes, in einem Nekrokosmos, der sich über Milliarden von Lichtjahren meist leeren Raums erstreckt, einem Kosmos, der sich nach Einschätzung der Astronomen bereits auf dem Weg zum universellen Wärmetod befindet – für mich hat die Keimung eines einzigen Samens mehr Bedeutung als alle wirbelnden Staubgalaxien. Wir mögen von unseren Feinden besiegt werden, wir sind sicherlich dazu verdammt, selbst zu Staub zu werden, aber wenn dem so ist, dann besteht das gesamte Sinnvolle nur aus den Momenten, in denen etwas anderes geschieht, etwas anderes als der Tod – sei es eine liebevolle Interaktion zwischen zwei Freunden, die Aufrechterhaltung eines anarchistischen Sozialzentrums, die Entwicklung einer basisdemokratischen Musiktradition wie Punk oder Klezmer, eine Explosion von Unruhen oder der Sturz einer Regierung.

Die Tatsache, dass jeder dieser Momente stattgefunden hat, wird für immer unveränderlich bleiben, ungeachtet des Vakuums (Anmerkung der Übersetzung: gemeint ist Leere, im Sinne von Bedeutungslosigkeit). Die Feigheit und Gewalt einzelner Polizeibeamter und der Polizei als Institution, die ungeheuerlichen Taten des IS und des KKK – das sind nur Hintergrundgeräusche, Tod und Steuern. (Anmerk. d. Ü.: in Anlehnung an den englischen Ausspruch „death and taxes“ als die zwei unveränderlichen Konstanten im Leben).

Aus diesen Momenten – aus unseren gelebten Erfahrungen von Anarchie und Freiheit – können wir eine Vision der Zukunft ableiten, die keine Wiederholung der christlichen Eschatologie ist, sondern vielmehr eine Dimension dessen, wie wir uns in der Gegenwart verhalten. Wir werden vielleicht Anarchie in einem größeren Ausmaß erleben als unsere hart erkämpften Freundschaften, Liebesbeziehungen, Projekte und Aufstände, vielleicht aber auch nicht. In der Zwischenzeit kann uns die Vision dieser Möglichkeit jedoch in der Gegenwart verankern und orientieren und unser Handeln beeinflussen, so wie ein Seemann sich anhand der Sterne über das weite Meer navigiert. Unabhängig davon, was morgen geschieht: Wenn wir uns eine Utopie vorstellen können, kann diese Utopie in der Realität Gestalt annehmen, indem sie uns zu Handlungen befähigt, zu denen wir sonst nicht in der Lage wären. Der Realitätsgehalt einer zukünftigen Utopie wird durch die Handlungen bestimmt, zu denen sie uns heute befähigt.

In dieser Hinsicht ist meine Fähigkeit, an die Möglichkeit von Veränderung zu glauben – nicht als etwas, das in der Zukunft geschehen wird, sondern als etwas, das ich jetzt sofort verfolgen kann – ein grundlegender Teil meiner Kraft, mein Leben in vollen Zügen zu leben und eine gesunde Beziehung zu meiner eigenen Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Das unterscheidet sich vom Glauben an eine millenarische Vision der Revolution. Es handelt sich nicht um eine Vorhersage über die Zukunft, wie sie ein Wissenschaftler treffen würde, sondern vielmehr um eine Entscheidung darüber, wie ich zu mir selbst und meinen eigenen Fähigkeiten stehen möchte.

Das ist es, was mich befähigt, zu handeln, wie bescheiden und unvollkommen auch immer, und aus meinen Handlungen zu lernen, mit anderen in Kontakt zu treten und erneut zu handeln. Die Geschichte der Anarchie als gelebte Erfahrung der Menschen besteht aus solchen Handlungen, die in Ewigkeit fortbestehen werden, nachdem jedes Imperium triumphiert und zerstört worden ist und die Erde von der Sonne verschlungen worden ist.


Wir hatten nicht nur nie die Vorstellung oder den Wunsch zu gewinnen,
sondern nicht einmal die Vorstellung, dass es irgendwo etwas zu gewinnen gab.
Und wenn ich jetzt wirklich darüber nachdenke,
scheint mir das Wort „gewinnen” genau dasselbe zu sein wie „sterben”.

-Nanni Balestrini, The Unseen

Es sind nur noch wenige von uns übrig, bald
wird es keine mehr geben. Wir waren Kameraden.
Gemeinsam glaubten wir, dass wir
mit eigenen Augen die neue Welt sehen würden,
in der der Mensch nicht mehr
Wolf für den Menschen war, sondern Männer und Frauen
alle Brüder und Liebende
waren. Wir werden es nicht sehen.
Wir werden es nicht sehen, keiner von uns.
Es ist weiter entfernt, als wir dachten.
In unserer Jugend glaubten wir,
dass, wenn wir alt würden und aus dem Dienst ausscheiden würden,
neue Rekruten, jung
und mit der Weisheit der Jugend,
unseren Platz einnehmen würden
und sie
würden sicherlich alt werden im
Goldenen Zeitalter. Sie sind nicht gekommen.
Sie werden nicht kommen. Es sind nicht
viele von uns übrig geblieben. Einst
marschierten wir in geschlossenen Reihen, heute kämpft jeder
von uns gegen den Feind,
ein einsamer, isolierter Guerillakämpfer.
All das ist schon einmal geschehen,
viele Male. Es spielt keine Rolle.
Wir waren Kameraden.
Das Leben war gut zu uns. Es ist
gut, mutig zu sein – nichts ist
besser. Das Essen schmeckt besser. Der Wein
ist brillanter. Die Mädchen sind
schöner. Der Himmel ist blauer
für die Tapferen – für die Tapferen und
glücklichen Kameraden und für die
einsamen tapferen zurückweichenden Krieger.
Du hattest ein gutes Leben. Selbst all
seine Sorgen und Niederlagen und
Enttäuschungen waren gut,
begegnet mit Mut und einem fröhlichen Herzen.
Du bist fort und wir sind umso
viel einsamer. Wir sind einer weniger,
bald werden wir gar keine mehr sein. Wir wissen jetzt,
dass wir lange Zeit versagt haben.
Und es ist uns egal. Wir wenigen werden uns
so lange wie möglich daran erinnern,
unsere Kinder werden sich vielleicht daran erinnern,
eines Tages wird sich die Welt daran erinnern.
Dann werden sie sagen: „Sie lebten in
den Tagen der guten Kameraden.
Es muss wunderbar gewesen sein,
damals gelebt zu haben, obwohl es
auch jetzt sehr schön ist.“
Wir werden in Erinnerung bleiben, alle
von uns, für immer, bei allen Menschen,
in den guten Tagen, die jetzt so weit weg sind.
Wenn die guten Tage nie kommen,
werden wir es nicht wissen. Es wird uns egal sein.
Unser Leben war das beste. Wir waren die
glücklichsten Menschen unserer Zeit.

-Kenneth Rexroth, “For Eli Jacobson” (December 1952)

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